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30.10.2019 22:39 Alter: 86 days

Lutz Hübners Gesellschaftskomödie „Blütenträume“ an der Otto-Hahn-Schule


Wer hätte gedacht, dass die Ruheständler noch so viel Witz und Charme und Widerborstigkeit dem Leben entgegenzusetzen wissen? Fast alle Charaktere sind in dem Theaterstück  über 60 Jahre alt. Aber alt fühlen sie sich gar nicht. Nur einsam. Vom Leben gebeutelt und immer noch auf der Suche nach dem großen Glück, der wirklichen Beziehung, die bis ins eigene Grab halten sollte. Es geht um den letzten Lebensabschnitt, den man noch selbstbestimmt gestalten will, aber am besten wäre  dazu ein Partner, der alles mitträgt und der einem den Abend versüßt, einfach, weil er da ist. Also, warum nicht eine Alterskommune gründen? Denn wenn man zusammenlebt, dann ist man nicht mehr einsam und allein.

 


Lutz Hübner gelingt mit diesem Stück wieder einmal der Spagat, gesellschaftliche Probleme in leichter komödiantischer Weise zu präsentieren, ohne dabei die Schreckensseite des letzten Lebensabschnittes aus dem Auge zu verlieren. Da drohen Krebs, Alzheimer, Vereinsamung, Isolation und Krankheit. Diesen dunklen bedrohenden Aspekten des Lebens setzt Hübner eine Lebenslust und Lebensbejahung der „Generation 50+“ entgegen, so dass die Bühne nicht im Tränenstrom des Selbstmitleids der Schauspieler oder gar der Zuschauer unterginge, sondern befreiendes Gelächter und Verständnis machten sich im Zuschauerraum breit, während die Handlung in 120 Minuten ausgerollt wurde. 


Die acht Mimen, alles Laiendarsteller des vor zwei Jahren gegründeten Ensembles „Eltern-Lehrer-Theatergruppe der Otto-Hahn-Schule“, vermittelten mit gutem Einfühlungsvermögen die Charakterzüge der einzelnen Personen. Um dem Alleinsein zu entkommen, belegen sie alle einen Volkshochschulkurs, in dem sie das Flirten neu erlernen wollen, um jemanden neuen kennenzulernen. 


Jan (Markus Heuser) hat es mit diesem bunten Haufen der Kursteilnehmer wirklich nicht einfach, denn die Alten glauben, dass sie alles besser können, als dieser junge Mann. Da bleiben beiderseitige Beschimpfungen und Drohungen nicht aus, denn die meisten Kursteilnehmer nehmen Jan erst gar nicht ernst. Wäre da nicht Gila (Petra Gentze), die als gelehrige Schülerin dem nicht gerade talentierten Kursleiter zutiefst ergeben ist. Sie verehrt ihn inbrünstig und findet alles schön, was Jan macht, denn an ihren Kindern, die sie schamlos ausnutzen und nur zum Putzen oder als Hundeaufpasserin brauchen, hat sie wirklich keine Freude. Julia (Katrin Kettner) ist völlig desillusioniert, weil es ihr nicht gelingt, eine Beziehung über längere Zeit aufzubauen. Keiner interessiert sich für sie, keiner will sie, dabei ist sie als Maklerin doch wirklich erfolgreich. Frieda (Jutta Reinmüller) hat als Studentin ihren Professor geehelicht und bei dem Altersunterschied von 20 Jahren zu Beginn der Ehe nicht geahnt, dass sie allein die Last zu tragen hat, ihren an Alzheimer erkrankten Mann bis in den Tod zu pflegen. Natürlich hat Frieda als Professorengattin ein schönes Leben hinter sich, doch beneiden sollte keiner diese selbstbewusste Witwe. Auch Britta (Marianne Merle), die Bibliothekarin, sitzt in diesem Flirtkurs, um eigentlich jemanden an ihrer Seite zu haben, der ihr aber nicht allzu sehr auf die Pelle rückt und ihr die Eigenständigkeit im Alter lässt. Sie hasst es zutiefst, wenn ihr jemand durch ihren Seelengarten läuft.


Diesen intellektuellen und wachen Frauen setzt Hübner drei Männerrollen gegenüber, die nicht immer ganz auf der geistigen Höhe der Frauen sind. Heinz (Wolfram Hanreich), ein gelernter Automechaniker, tut sich als alleinstehender Ruhrpottler doch recht schwer, weil er außer Fußball, Angeln und Autolacken nichts kennt. Weil er den Kursleiter auch noch schlägt und ihm gegenüber handgreiflich wird, bekommt er den Ritterschlag der Damenwelt. Auch Ulf (Matthias Schröder), ein deutscher Schreiner, der sein Glück in Tonga suchte und auswanderte, ist reumütig zurückgekehrt, weil es in Tonga keine Arbeit für Schreiner gibt. Dafür versteht er sich blendend auf Geisterbeschwörung.  Wäre da nicht noch Friedrich (Udo Häfele), der pensionierte Schuldirektor, der ein wildes Sexleben hatte, der den Damen auch intellektuell noch etwas zu bieten hätte, aber in seiner manisch-depressiven Art auch nicht jeder Frau gefällt. 


Zum Schluss finden sie sich alle mit der Idee konfrontiert, dass sie etwas Besseres als ein Altenheim oder diese modernen alten Leute Beglücker verdient haben, indem sie eine eigene Kommune gründen wollen, denn sieben einsame Herzen sind nicht mehr allein, wenn sie denn zusammen leben können und wollen. Die Idee schwirrt im Raum und wird dann doch nicht umgesetzt, weil sie alle Angst vor dem ungewissen Schritt haben. Dabei hätten sie doch das Märchen der „Bremer Stadtmusikanten“ beherzigen können, denn etwas Besseres als den Tod finden sie doch überall. Als Kommune funktioniert es nicht. Aber einige kommen dann doch zusammen und werden es in einer Zweierbeziehung versuchen. 


Das Ensemble wurde verstärkt durch Helga Düttmann (Souffleuse), Barbara Henninger (PR und Werbung),  Vivian Frömmig und Vivien Düttmann (Catering), Markus Gentze und Tom Henninger (Bühne und Abendkasse) sowie Timo Neumann (Technik). Ein engagiertes Team, das auf sehr professionelle Weise Theater umzusetzen weiß. Den Zuschauern hat es sehr gefallen.