Als an der Otto-Hahn-Schule die dritte Stunde beginnt, hat der ehemalige Stadtschreiber von Bergen-Enkheim eine Tasse Kaffee in der Hand und überrascht sein jugendliches Publikum mit der Feststellung, dass er nicht nur gekommen sei, um zu sprechen oder zu lesen, sondern vor allem auch, um zuzuhören.
Schnell entwickelt sich ein offenes Gespräch mit dem 46-jährigen Autor, der Schreiben schon als 13-Jähriger spannend fand. Auch die Schülerinnen und Schüler sprechen über ihre Erfahrungen mit dem Schreiben: sei es als Ventil für die eigenen Emotionen, sei es, um den Anforderungen der Deutschlehrkräfte nachzukommen. Was denn überhaupt Literatur sei, will der Preisträger der Leipziger Buchmesse von den Jugendlichen wissen, um ihnen gleich darauf die Scheu vor der „Literatur“ zu nehmen. Lyrik beispielsweise sei schon immer nah an der Straße gebaut und finde sich auch in der Rapmusik. Literatur stecke, historisch betrachtet, aber auch in mündlicher Überlieferung, in Liedgut, im Tanz. Wie es ist, als Jugendlicher 2026 in und um Hanau zu leben, möchte Gücyeter schließlich erfahren und betont, dass jede Begegnung Stoff für einen neuen Text liefern könne. Daher wolle er auch am Nachmittag mit offenen Augen durch Hanau spazieren und dabei Anregungen erhalten für den Roman über einen Taxifahrer, an dem er gerade arbeitet.
Als Gücyeter auf seinen autofiktionalen Roman „Unser Deutschlandmärchen“ zu sprechen kommt und das erste Kapitel frei vorträgt, lässt sich das Publikum vom Rhythmus des Textes und von der melodischen Stimme des Autors tragen und mitnehmen nach Anatolien, wo Gücyeters Mutter Fatma im Jahr 1965 nach dem Tod ihres Vaters ihren zukünftigen Ehemann trifft und erfährt, dass sie diesem nach Deutschland folgen wird, - in ein Land, „wo man das Geld von den Bäumen pflücken kann.“
Am Ende der Veranstaltung, die in Kooperation mit der Hohen Landesschule Hanau entstand, bedankt sich Schulbibliotheksleiterin Dagmar Hofmann mit Schokolade und wünscht sich, angelehnt an ein von Gücyeter selbst aufgegriffenes Zitat der Lyrikerin Anna Achmatowa, dass "Vieles noch von Gücyeters Mund besungen werden möge".
Dann ist der vielbeschäftigte Autor schon wieder auf dem Weg. Zu seinem Hotel. Zur nächsten Lesung. Nach Nettetal. Nach Berlin für das nächste Theaterprojekt.








