Die erste Begegnung mit Kafka hat Kumpfmüller bereits als Zehntklässler. Auslöser ist die missmutig hingeworfene Bemerkung seines Deutschlehrers Herr Grimm, mit den Schülern erst wieder reden zu wollen, wenn diese Kafka gelesen hätten. So beginnt der Jugendliche mit der exzessiven Lektüre von Kafka, die ihn nicht nur nachhaltig zum Schreiben von Tagebüchern, sondern auch zu seinem ersten Roman inspiriert. Obwohl letzterer von einem Verlag als „epigonal“, also als zu stark nachahmend, abgelehnt wird, ist der Grundstein für Kumpfmüllers Schreiben gelegt.
Das Interesse an Kafka bleibt zeitlebens bestehen, und so beschließt Kumpfmüller mit Ende 40, der Skepsis seines Verlegers zum Trotz, in Duett-Form einen Roman über Kafkas Beziehung zu Dora Diamant zu verfassen. Als dieser Roman zu einem Riesenerfolg wird, ist der Autor dennoch erstaunt: „Die Herrlichkeit des Lebens“ (2011) wird in 27 Sprachen übersetzt, darunter ins Arabische, Persische und Türkische. Kumpfmüller geht auf unzählige Lesereisen, unter anderem nach China und Weißrussland. 2024 erscheint auf Grundlage des Romans ein Kinofilm.
Kumpfmüller, der Vater von drei erwachsenen Söhnen ist, interessiert sich für die Lebensrealität der anwesenden Schülerinnen und Schüler. Ob sie mit der Lektüre von „Der Prozess“ bereits begonnen hätten, möchte er wissen, und was ihre ersten Eindrücke seien. „Verwirrend“, lautet die übereinstimmende Antwort. Der Autor ist nicht überrascht. Kafka sei es gelungen, in „klarer Prosa sehr unklare Verhältnisse“ zu beschreiben, gibt er zu bedenken, - und schiebt hinterher: „Andersherum ist es in der Literatur schlimmer.“ Dennoch glaubt Kumpfmüller, Kafka selbst hätte in einem universitären Proseminar den „Prozess“ nicht erklären können. Umso mehr empfiehlt er die kurze Erzählung „Die Verwandlung“, die ein leicht lesbarer, und dennoch sehr wirkungsvoller Text sei.
Ob und was die Schülerinnen und Schüler in ihrer Freizeit lesen, fragt Kumpfmüller und erhält unterschiedliche Antworten: Agatha Christie, Paolo Coelho, historische Romane, Fantasy und Liebesgeschichten, Die drei ??? sowie „Pippi Langstrumpf“. Gerade den schwedischen Klassiker über ein freches Mädchen betrachtet der Autor kritisch, da die Geschichte ja doch „wenig mit der Lebensrealität von Kindern“ zu tun habe. Als er den Widerspruch im Publikum bemerkt, hakt er nach und will wissen, ob die freche Pippi denn heute tatsächlich beim Frausein helfen könne. Zu allgemeinem Gelächter kommt die prompte Antwort: „Nö, aber Kafka hilft uns dabei auch nicht!“
Wenn Kumpfmüller aus seinem Roman liest, tut er dies mit einer Lebendigkeit, die auch die Sprache und den Rhythmus des Textes spürbar werden lässt. Vor dem inneren Auge der Zuhörenden entsteht ein Bild, das der allgemeinen Rezeption von Kafka als düsterem Autor entgegenläuft: Hier erscheint Kafka verspielt und verliebt, voller Lebensfreude und Humor. Es überrascht nicht, dass Kumpfmüller einen Kafka-Experten zitiert, der „Der Prozess“ als „optimistischen Roman“ bezeichnet habe. Ob die Schülerinnen und Schüler der Q3 sich diesem Urteil nach Beendigung ihrer Lektüre anschließen werden? Es wird eine Frage sein, die sich im Deutsch-Unterricht diskutieren lässt.








